Faszien: Kurzer Trend oder wegweisende Neuentdeckung?

Jeder Körper ist ein faszinierendes Kunstwerk. Verbände aus unzähligen Einzelzellen bilden Funktionseinheiten – Muskeln, Nerven, Haut, Skelett, Herz, Lungen, Leber, Nieren und viele weitere Organe – die durch ihr komplexes Zusammenspiel Stoffwechsel-, Fortbewegungs- und Denkprozesse ermöglichen.
Einer besonderen Gewebsstruktur wurde jedoch lange Zeit in der medizinischen Forschung nur wenig Beachtung geschenkt: Den Faszien.
Dank neuer Forschungsmethoden, die Untersuchungen am vitalen Gewebe ermöglichen, konnten jedoch in den vergangenen Jahren beeindruckende neue Erkenntnisse über die Bedeutung des Fasziensystems gewonnen werden.
Was hat es mit diesem „Faszientrend“ auf sich, der derzeit so massiv an Bedeutung gewinnt?

Faszien: Einzigartiges Netzwerk des Körpers

Faszien sind im Prinzip das, was landläufig unter dem Begriff „Bindegewebe“ zusammengefasst wird. Es handelt sich dabei grob um ein dreidimensionales Geflecht aus Faser- und Zellbestandteilen, das von Kopf bis zu den Zehen alle Strukturen des Körpers (jedes Organ, jeden Muskel, jede Nervenfaser und jeden Knochen!) mit einem mehr oder weniger straffen, elastischen, festen oder lockeren Netz umgibt. Dieses ist an manchen Stellen sehr fein und dünn und kann an anderer Stelle mehrere Zentimeter dicke Strukturen bilden.

Generell zählt man zu den Faszien alle faserigen Bindegewebe des Körpers, wie Bänder, Sehnen, Aponeurosen (breite Sehnenplatten) und Gelenkkapseln. Außerdem werden auch sämtliche Organe von einer Faszienschicht (so genannte Tunica visceralis und Tunica parietalis) umhüllt. Diese kann je nach Organ besondere Namen haben, beispielsweise heißt die Faszie des Herzens „Pericard“, die Hirnhäute nennt man „Meningen“, die Lungen werden von der „Pleura“ umgeben, die Knochen vom „Periost“ und die Muskeln von den „Myofaszien“. Alle diese Faszien gehen nahtlos ineinander über, sodass es den Anschein macht, als würden sie weder einen Anfang noch ein Ende haben.

Durch ihre besondere Struktur ermöglichen die Faszien zum Einen die Abgrenzung der unterschiedlichen Gewebsstrukturen und ermöglichen so eine beinahe reibungsfreie Verschieblichkeit der Organe gegeneinander, zum Anderen vernetzt die Faszienkonstruktion sämtliche Gewebsstrukturen des Körpers miteinander und gibt ihnen eine stützende Form.

Lange im Dornröschenschlaf

Neuere Erkenntnisse aus der Faszienforschung belegen, dass die Rolle des Bindegewebsnetzwerks lange unterschätzt wurde: Denn statt wie lange angenommen lediglich rein passiv als Kraftüberträger des Bewegungsapparates und als Trennstruktur zwischen unterschiedlichen Organen zu dienen, sind Faszien vielmehr überaus aktiv an der Regulierung der Biodynamik des Körpers, an der Weiterleitung von Informationen sowie der Körperwahrnehmung und -regulation beteiligt. Zusätzlich übernehmen sie wichtige Funktionen für den Blut- und Lymphfluss in den Geweben.

Auch die Rolle von Faszien bei schmerzhaften Veränderungen insbesondere im Bereich des Rückens und des Schultergürtels wurde lange unterbewertet und gibt Hoffnung für neue Therapieansätze bei chronischen Beschwerden in diesen Bereichen.

Aufbau und Funktion

Fasziengewebe ist aus verschiedenen faserigen, zellulären und flüssigen Bestandteilen zusammengesetzt:

  • Kollagen: Kollagen ist ein so genanntes Strukturprotein und mit über 30% Anteil an der Gesamtmasse der Körperproteine das häufigste Eiweiß. Im Prinzip muss man sich Kollagenfasern vorstellen wie winzigste geflochtene Fädchen, die eine extrem hohe Zug- und Reißfestigkeit aufweisen, aber kaum elastisch/dehnbar sind. Man unterscheidet zwischen unterschiedlichen Kollagentypen, von denen Kollagen Typ I die mit Abstand häufigste Variante darstellt. Je nach Typ bilden Kollagenfasern eher Faserbündel oder Fasernetze. Neben Typ-I-Kollagen konnten zahlreiche weitere Kollagentypen in Fasziengewebe nachgewiesen werden, die durch ihre unterschiedlichen Eigenschaften einen Beitrag zu der Vielfältigkeit der Faszien leisten.
  • Elastin: Elastin gehört ebenfalls zu den Faserproteinen, ist aber im Gegensatz zu Kollagen dank seiner Faser- und Netzwerkeigenschaften elastisch-dehnbar, ähnlich einem Gummiband.
  • Bindegewebszellen: Die Bindegewebszellen der Faszien sind für die Produktion der übrigen Gewebsbestandteile (Kollagen, Elastin, Matrixbestandteile) zuständig. Es handelt sich hierbei größtenteils um die so genannten Fibrozyten und die Fibroblasten, die sich unter bestimmten Umständen in die besonderen Myofibroblasten umwandeln können.
  • Matrix: Die Matrix ist eine wasserhaltige Substanz, die zahlreiche Moleküle enthält, die für die Stoffwechselfunktionen der Gewebe notwendig sind. Die wichtigsten Gruppen sind die so genannten Proteglykane und strukturellen Glykoproteine.

Je nachdem, welche Funktion der jeweilige Faszienabschnitt zu erfüllen hat, unterscheiden sich die jeweiligen Anteile der Bausteine. So können Faszien an unterschiedlichen Orten extrem zugfest, wenig elastisch, zellarm und von relativ großem Durchmesser sein, um zum Beispiel in Form von Sehnen die Kraft aus den Muskeln auf das Skelett zu übertragen, elastisch im Falle von Bändern oder aber eher locker strukturiert und zellreich, wie etwa im Bindegewebe um die Zellverbände innerer Organe.

In die Faszien eingelagert finden sich zahlreiche weitere Strukturen, wie Blut- und Lymphgefäße und zahlreiche Nervenfasern des unwillkürlichen (autonomen) Nervensystems. Dies erklärt die Bedeutung des Fasziengewebes für Stoffwechselvorgänge, Lymphtransport und Informationsweiterleitung.

Besondere Rolle kommt den so genannten Myofibroblasten zu: Diese werden unter bestimmten mechanischen und chemischen Einflüssen aus den Fibroblasten gebildet und ähneln in ihre Aufbau den glatten Muskelzellen. Sie sind bereits seit längerem dafür bekannt, bei der Wundheilung und im Rahmen chronischer Gewebskontrakturen (dauerhafte Verkürzungen) eine wichtige Rolle zu spielen. Im Rahmen der intensivierten Forschung im Bereich der Faszien konnte durch spezielle Kraftmessungen festgestellt werden, dass die Myofibroblasten die Faszien in die Lage versetzen, sich aktiv zusammenzuziehen und so einen bedeutenden Einfluss auf die Mechanik des Muskulatur-Skelett-Systems auszuüben. Ein besonders hohes Aufkommen der Myofibroblasten konnte in den Faszien des unteren Rückens nachgewiesen werden, sodass ein Zusammenhang zwischen der Myofibroblastendichte und Schmerzen in diesem Bereich vermutet wird.

Faszien im Stress

Fast jeder kennt das Gefühl: Nach einem stressigen Tag fällt man erschöpft auf Sofa oder Bett und spürt, wie Knochen und Muskeln angespannt schmerzen. In vielen Fällen merkt man nach einiger Zeit, wie die Anspannung abfällt und sich der Körper entspannt. Lässt das Stresslevel jedoch über längere Zeit nicht nach, fällt es uns immer schwerer, körperlich zu entspannen. Woran liegt das?

Wie jedes andere Gewebe sind auch Faszien empfindlich gegenüber schädigenden äußeren Einflüssen. Insbesondere der Zusammenhang zwischen Stress und Muskelverspannungen lässt sich durch die Erkenntnisse rund um die Faszien neu beleuchten: Denn das Fasziennetzwerk ist von unzähligen Nervenendigungen des sympathischer Nervensystems durchsetzt. Diese gehören als Teil des Sympathikusnervs zum so genannten autonomen oder vegetativen Nervensystem, das für die unbewusste Steuerung aller lebenswichtigen Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung, Durchblutung und Herzschlag zuständig ist. Die Funktionen des autonomen Nervensystems können wir bewusst kaum steuern, jedoch werden sie beispielsweise durch körperlichen und psychischen Stress stark beeinflusst. Durch die enge Verbindung mit dem sympathischen Nervensystem werden die Faszien durch Stress entsprechend in „Alarmbereitschaft“ versetzt, sie spannen sich (durch Kontraktion der Myofibroblasten) an. Wenn der Stressreiz nicht nachlässt oder abgebaut wird, wird aus Anspannung eine dauerhafte Verspannung, die sich von den Faszien auf die Muskulatur ausweiten und unterschiedlich stark ausgeprägte Schmerzsymptome hervorrufen kann. Bemerkenswert ist, dass dieses Phänomen offensichtlich aber auch in die andere Richtung abläuft: Haben die Faszien eine zu hohe Grundspannung, kommen wir innerlich nicht zur Ruhe, weil der Sympatikus ständig gereizt wird: Wir fühlen uns gestresst und kommen in einen Teufelskreis aus Anspannung.

Doch auch mechanische Reize wie einseitige Arbeit, Unfälle, Überlastungen oder Verletzungen können die Faszien in Mitleidenschaft ziehen. Ein mittlerweile recht weit verbreiteter Begriff ist in diesem Zusammenhang sicherlich die „Verklebung“ von Faszien – und es sind Verklebungen im wahrsten Sinne des Wortes: Sie entstehen, wenn durch Verspannungen der umliegenden Muskelfasern (nach Überlastung oder Verletzung) zu einem gestörten Lymphfluss im Fasziengewebe kommt. Die Lymphflüssigkeit enthält das so genannte Fibrinogen, das unter bestimmten Bedingungen in seine aktive Form umgewandelt wird. Diese heißt dann Fibrin und ist im Prinzip der „Klebstoff“ des Körpers, der dafür sorgt, dass sich Muskeln und Faszien nicht mehr reibungslos gegeneinander verschieben können. Dieser Zustand führt zu einem Verlust an Beweglichkeit der betroffenen Körperpartien und kann unter Umständen sehr schmerzhaft sein. Die Problematik breitet sich in der Regel zunehmend aus, da die Verklebungen wiederum den Lymphfluss stören und auch hier ein Teufelskreis aus Verklebung und Verspannung programmiert ist.

Was ist die Konsequenz aus den Veränderungen?

Die ungestörte Funktion der Faszien ist für die Beweglichkeit des Organismus, den Lymphfluss und zahlreiche Stoffwechselvorgänge von großer Bedeutung. Störungen wie Verklebungen oder Verspannungen führen zu einem zunehmenden Verlust an Beweglichkeit, einer Verringerung der Muskelkraft und einer Abnahme der Stoßdämpferfunktion. Nicht zuletzt kommt es durch diesen Verlust der physiologischen Bewegungsabläufe und des gestörten Blutflusses zu einem erhöhten Risiko für Verletzungen der Muskel-, Knochen- und Gelenkstrukturen. Der gestörte Lymphfluss hat letztendlich zusätzlich negative Effekte auf die Funktionen des Immunsystems, da der Lymphe als Träger von Immunzellen eine wichtige Rolle zukommt.

Hoffnung für neue Therapieansätze

Insbesondere die neuen Erkenntnisse über die Bedeutung der Faszien für die Funktion der Bewegungseinheiten aus Muskeln und Skelettsystem geben Hoffnung: Sie könnten Erklärungen und vielversprechende neue Therapieansätze für schmerzhafte Veränderungen in diesen Bereichen liefern, die lange Zeit vergeblich gesucht wurden.

Verspannungen oder Verklebungen der Faszien lösen sich nicht von allein. Es gibt jedoch eine Reihe therapeutischer Möglichkeiten, mit denen die Funktionsfähigkeit der Faszien wieder hergestellt werden können. Hierzu gehören das myofasziale Release, das manuell oder unter Zuhilfenahme von Faszienrollen, Bällen oder ähnlichem erreicht wird, unterschiedliche Dehnungskonzepte, myofasziales Taping oder das five-Trainingskonzept.

Quellen:
Thomas W. Findley, MD, PhD . Second International Fascia Research Congress. Int J Ther Massage Bodywork. 2009; 2(2): 1–6.
Klingler W, Velders M, Hoppe K, Pedro M, Schleip R. Clinical relevance of fascial tissue and dysfunctions. Curr Pain Headache Rep. 2014;18(8):439. doi: 10.1007/s11916-014-0439-y.

Kumka M, Bonar J. Fascia: a morphological description and classification system based on a literature review. J Can Chiropr Assoc. 2012 Sep; 56(3): 179–191
Hoffmann M, Das myofasziale Release in der Sportmedizin. 2013