Der Bewegungsapparat

Der Bewegungsapparat ist eines der bedeutendsten Konstrukte unseres Körpers. Er ermöglicht uns die Fortbewegung, die Nahrungsaufnahme, die Interaktion mit anderen Menschen und bildet den stützenden und schützenden Rahmen für die übrigen Organe. Für die Aufrechterhaltung seiner Funktion wird der größte Teil der Energie des Körpers investiert. Obgleich er somit eine große Rolle im täglichen Leben einnimmt, wird dem Bewegungsapparat in der „klassischen“ Medizin doch häufig wenig Beachtung geschenkt. Und das, obwohl gemäß zahlreicher Studien über 80% aller schmerzhaften Zustände, Beschwerden und Handicaps ihre Ursache in diesem komplexen System aus Knochen, Muskeln und Bindegewebe (Faszien) haben! Aus diesem Grund nimmt der Bewegungsapparat in Osteopathie und Physiotherapie einen so hohen Stellenwert ein.

Knochen und Gelenke

Das menschliche Skelett setzt sich aus gut 200 Knochen zusammen. Zwischen dem kleinsten Knochen des Körpers (dem so genannte „Steigbügel“ im Innenohr) mit einer Größe von wenigen Millimetern und dem größten Knochen (Oberschenkelknochen) mit einer Länge von bis zu über 50cm liegt eine bemerkenswerte Variationsbreite.

Knochen dienen dem Körper als „Gerüst“ und schützen empfindliche Strukturen des Körperinneren (z.B. Herz, Lunge, Gehirn und Rückenmark). Im System des Bewegungsapparates übernehmen sie als passiver Anteil in erster Linie stützende Aufgaben und dienen der Kraftübertragung der Muskeln in gerichtete Bewegungen. Mit Hilfe beweglicher Gelenke zwischen den Knochen wird die notwendige Beweglichkeit im Skelett erlangt.
Durch ihre geniale Grob- und Feinbaustruktur erreichen Knochen bei erstaunlich geringem Gewicht eine beeindruckende Stabilität: Die massive Substantia corticalis („Knochenrinde“) umhüllt den Knochen und gibt ihm Stabilität und Form. Die innere Substantia spongiosa („Schwammstruktur“) ist ein dreidimensionales Flechtwerk aus feinen Knochenbälkchen, die entlang der Hauptzugbelastung ausgerichtet sind und so bei geringem Gewicht eine ideale Kraftableitung auf die stabile Corticalis ermöglichen. Die biochemische Zusammensetzung der Knochen erlaubt dem Gewebe trotz seiner hohen Stabilität ein gewisses Maß an Elastizität, das ein zu schnelles „Brechen“ bei äußeren Krafteinwirkungen verhindert.

Auch wenn Knochen einen recht wenig vitalen Eindruck erwecken, sind sie doch voll von lebenden Zellen, die den Knochenauf- und –abbau und somit gleichzeitig den Calciumstoffwechsel des Körpers regulieren. Im Knocheninneren, dem Knochenmark, werden in jeder Sekunde mehrere Millionen Blutzellen (rote und weiße Blutkörperchen + Blutplättchen) gebildet.

Muskeln

Die rund 600 Skelettmuskeln des menschlichen Körpers ermöglichen als aktive Komponente des Bewegungsapparates durch das gezielte Zusammenspiel von Verkürzung (Kontraktion) und Entspannung oder Haltearbeit koordinierte Bewegungen. Die Kraft der Muskelverkürzung wird über Sehnen, die die Verbindung zwischen Muskel und Knochen schaffen, auf Knochen und Gelenke übertragen. Koordinator der Muskelbewegung ist das Nervensystem, das über spezielle Verknüpfungspunkte (Synapsen, „motorische Endplatte“) die Informationen (z.B.: Bewege das rechte Bein nach vorn) aus dem zentralen Nervensystem auf die Muskeln überträgt.

In ihrem Feinbau bestehen Skelettmuskeln aus sehr speziellen, langgestreckten Zellen, den Muskelfasern. Diese enthalten die Strukturproteine „Aktin“ und „Myosin“, die sich auf einen Nervenimpuls hin aktiv so ineinanderschieben, dass die Muskelfasern und somit der Muskel in seiner Gesamtheit verkürzt. Dank dieser speziellen Strukturen sind Muskeln in der Lage, die chemische Energie, die ihnen die Zellen bereitstellen, in Bewegungsenergie („Arbeit“) umzuwandeln.

Im anatomischen Bau bilden mehrere Muskelfasern so genannte Muskelfaserbündel, mehrere Muskelfaserbündel wiederum bilden den Muskel in seiner Gesamtheit.

Je nach Faserzusammensetzung können Muskeln eher lang andauernde Ausdauer- und Trageleistungen oder kurze, kraftvolle „Sprinterleistung“ vollbringen. Je nach Anforderungsprofil können Sehnen zur Verstärkung in die Muskeln eingelagert sein, um die Tragfähigkeit zu erhöhen.
Neben der Skelettmuskulatur (= quergestreifte Muskulatur) existieren im Körper noch weitere Muskeltypen: Die unwillkürliche, glatte Muskulatur der inneren Organe und die Herzmuskulatur (spezielle quergestreifte Muskulatur).

Bindegewebe/Faszien

Wie alle anderen Gewebe des Körpers werden auch Muskeln von einem feinen Netzwerk aus Bindegewebe (Faszien) umgeben. Jede Muskelfaser, jedes Muskelfaserbündel und jeder Muskel ist von den benachbarten Strukturen durch diese Bindegewebsschichten getrennt. Die Bindegewebshüllen heißen Endomysium (um die Muskelfasern herum), Perimysium (um die Muskelfaserbündel herum) und Perimysium (um Gruppen von Muskelfaserbündeln herum). Sie sind durchzogen mit einem dichten Netz aus Nervenfasern, Blut- und Lymphgefäßen und übernehmen so wichtige Aufgaben im Informations- und Stoffaustausch der Muskeln. Außerdem minimieren sie die Reibung zwischen Muskulatur und umliegendem Gewebe, so dass ein verlust- und somit verletzungsfreies Gleiten ermöglicht wird. (Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag über Faszien).

An den „Enden“ der Muskeln bilden die bindegewebigen Hüllen straffe Bindegewebsstränge, Sehnen genannt. Die Sehnen vermitteln an Ursprung und Ansatz der Muskeln die Verbindung zu den knöchernen Strukturen und so die Kraftübertragung auf die Knochen/Gelenke.

Überdies bildet straffes Bindegewebe im Bereich der Gelenke Bänder, die durch eine Einschränkung des Bewegungsradius die Stabilität der Gelenke fördern. Wie auch die Sehnen zeichnen sich Bänder durch eine enorme Widerstandsfähigkeit gegen Zugkräfte aus.

Störungen im Bewegungsapparat

Störungen des Bewegungsapparates können die unterschiedlichsten Ursachen haben.
Neben traumatischen Einflüssen (also der Einwirkung starker Kräfte, wie z.B. ein Sturz, der zu einem Knochenbruch oder einem Muskelriss führt), Über- oder Fehlbelastungen, unterschiedlichen neurologischen, entzündlichen und infektiösen Ursachen sowie Stoffwechsel- und Durchblutungsstörungen ist Stress ein nicht zu unterschätzender Faktor. Stress führt zu einer Spannungserhöhung der Faszien, die sich in einer Verkürzung der Muskulatur äußert. Dies führt wiederum dazu, dass die Knochen- und Gelenkstrukturen, an denen diese Muskeln ansetzen, einer erhöhten oder unnatürlichen Zugbelastung ausgesetzt sind, die zu Schmerzen oder Fehlstellungen führen kann. Überdies werden durch hohe Gehalte an Stresshormonen im Blut natürliche Heilungsvorgänge gehemmt. Häufig findet Stress auch Ausdruck in Verspannungen im Bereich des Kiefers (craniomandibuläre Dysfunktion (CMD, z.B. geäußert durch „Zähneknirschen“)). Dies zieht häufig Schmerzen in den Muskel- und Knochenstrukturen des Nacken- oder Rückenbereich nach sich, da Kiefergelenk, Wirbelsäule und Becken in ihrer Funktion eng miteinander zusammenhängen.

Funktionsstörungen des Bewegungssystems wiederum rufen durch die verschlechtere Durchblutungssituation zahlreicher Strukturen Schmerzen, Müdigkeitsszustände und (chronische) Entzündungsprozesse hervor. Gerade in Stresssituationen sollte man sich dieser Tatsache bewusst sein und einer Verselbstständigung dieser Prozesse durch mentale und körperliche Entspannungsübungen gegensteuern. Auch vorbeugend bzw. unterstützend sollte die Funktionsfähigkeit des Bewegungsapparates durch geeignete Dehn-, Ausdauer- und/oder Kräftigungsübungen langfristig erhalten und aktiv gefördert werden (Seite „Aktiv vorbeugen“?) . Kommt es dennoch zu akuten oder andauernden Problemen im Bewegungsapparat, muss durch ein geeignetes therapeutisches Maßnahmenkonzept (Triggerpunkttherapie, Myofasciales Release, manuelle Therapie, Extensionsbehandlungen, Thermo– oder Elektrotherapie) eine Wiederherstellung des gesunden Funktionszustandes gefördert werden.