Myofascial Release: Neue Therapiewege

Die Entwicklung der Osteopathie gegen Ende des 20. Jahrhunderts war Ausgangspunkt für ein Umdenken in der Erfassung und Bewertung von Beschwerden des Bewegungsapparates. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt wurde ihren Entwicklern klar, dass dem Bindegewebe (= Faszien) eine große Rolle bei der Beeinflussung körpereigener Prozesse zukommen muss. Aus dieser Grundidee entwickelte sich die Erkenntnis, dass bei Schmerzen oder anderen Problemen eine umfassende Bewertung von Muskeln, Knochen und Organen unter besonderer Berücksichtung der Faszien für die Ursachensuche unerlässlich ist. Die Erkenntnisse rund um die Zusammenhänge zwischen Bindegewebe/Faszien und ungestörter Funktion des Bewegungsapparates haben folgend auch in der Optimierung des Leistungssport-Trainings Einzug gehalten.

Das wachsende Forschungsinteresse auf dem Gebiet des faszialen Bindegewebes in den vergangenen zehn Jahren förderte neue Ansätze zur Therapie von Schmerzzuständen und anderen Störungen der Muskelfunktion.
Unter „gesunden“ Bedingungen stehen die Komponenten des Bewegungsapparates (Muskel, Faszien und Knochen) unter einer positiven Spannung, die eine elastisch-stabile, dynamische Funktionsfähigkeit ermöglicht (vgl. so genanntes Tensegrity-Modell). Sind diese positiven Spannungszustände aus dem Gleichgewicht geraten, folgen zwangsläufig zunächst schädliche Ungleichverteilungen der Belastungsverhältnisse innerhalb des Systems Muskel-Faszie-Knochen und schließlich ein Kollabieren des Modells mit Überbelastung, gesteigerter Verletzungsgefahr. Bleibt dieses Ungleichgewicht über lange Zeit bestehen, endet dies nicht selten in chronischen Schmerzzuständen wie Fibromyalgien oder myofaszialen Schmerzsyndromen.
Einer der Therapieansätze, der auf diesen Überlegungen aufbaut und mittlerweile gleichermaßen in der Physiotherapie und der Gesundheits- und Fitnessbranche verbreitet Anwendung findet, ist das so genannte Myofascial Release (myofaszial = Muskel-Faszien-Komplex, release = Lösung).

Manuelle Beeinflussung des Faszien-Muskel-Systems

Mittlerweile weiß man, dass Faszien durch eine aktive Kontraktion Verkürzungen und Verspannungen der Muskulatur hervorrufen können. Im Rückschluss kam die Idee auf, dass auch eine gezielte Manipulation der (verkürzten oder verklebten) Faszien für die Behandlung eben solcher Muskelverkürzungen/-verspannungen eine Therapieoption bieten müsste. Und tatsächlich: Aufgrund der hohen Dichte an sensorischen Nerven zeigte sich, dass Faszien durch manuellen Druck beeinflussbar sind. Dies nutzen die manuellen Therapiemethoden der myofaszialen Release: Durch die gezielte Manipulation der Faszien, die die verschiedenen Muskeln umgeben (=Epimysium genannt), wird die positive Spannung des Systems wiederhergestellt, der Blut- und Lymphfluss verbessert und so die Immunabwehr und der Stoff- und Informationsaustausch im Gewebe optimiert. Die Faszien können ihre Schutz-, Stütz-, Stoßdämpfer- und Trägerfunktion im Bewegungssystem wieder wahrnehmen und die optimale Zusammenwirkung zwischen Muskulatur und Faszie wird wiederhergestellt. Das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit werden so gesteigert und das Überlastungs- und Verletzungsrisiko gesenkt.

Myofascial Release: Wirkmechanismus und Techniken

Wie in dem Artikel „Faszien“ genauer erläutert, kann es durch Fehlbelastungen oder Überlastungen der Faszien zu Verklebungen oder Verspannungen kommen, die sich negativ auf die Muskulatur auswirken. Der Ansatz der myofaszialen Release ist es einerseits, diese Verklebungen und Verspannungen der Faszien zu lösen (release (engl.) = „Lösung“). Andererseits wird durch eine Bearbeitung von Triggerpunkten der myofasziale Komplex zusätzlich von Verspannungen befreit. Triggerpunkte sind lokale Verhärtungen in der Skelettmuskulatur, die durch krampfartige Verspannungen einzelner Muskelfasern entstehen. Diese Punkte sind auf Druck schmerzempfindlich und können Ausgangspunkte für übertragene Schmerzen im Bewegungsapparat oder auch für Kopfschmerzen sein.

Myofascial Release durch einen ausgebildeten Therapeuten
Eine Möglichkeit der Myofascial Release ist die Behandlung der Störungen des myofaszialen Systems durch einen ausgebildeten Therapeuten. Dieser Weg ist insbesondere dann einzuschlagen, wenn Sie unter Schmerzzuständen, Verkürzungen, eingeschränkter Beweglichkeit, Myofibralgien oder myofaszialem Schmerzsyndrom leiden.

Der Therapeut analysiert zunächst Muskulatur und Ihre Bewegungsmuster und sucht nach sichtbaren Verdrehungen, Verkürzungen oder anderen Veränderungen. In einem zweiten Schritt folgt das Abtasten der Körpersegmente. Hierbei werden verhärtete oder veränderte Faszienstränge, verkürzte Muskelpartien und andere Problemzonen wie Triggerpunkte erfasst. Individuell auf die Veränderungen abgestimmt werden dann die herausgestellten Problempunkte mit Hilfe verschiedener Faszien-Grifftechniken behandelt: Beispielsweise wird mit Hilfe so genannter Stretch-Griffe durch eine gezielte Dehnung ein definierter Zug auf die ´Faszien ausgeübt und so eine Lösung des Gewebes erreicht. Bei der so genannten Tiefengewebsmanipulation erfolgt unter Einsatz von Knöcheln, Ellbogen oder unterschiedlichen Hilfsmitteln eine Behandlung von Faszienverhärtungen, die in tiefen Schichten des Körpers angesiedelt sind und aus diesem Grunde nur schwer erreicht werden können. Die „Unwinding“-Techniken (=Freiwinden des Gewebes) beruhen schließlich auf dem Prinzip, dass die Gewebe in Richtung ihrer ursprünglichen Zugrichtungen gezielt gedehnt werden und so die Möglichkeit bekommen, sich sanft voneinander zu lösen.

Self Myofascial Release

Eine Reihe von Hilfsmitteln erlaubt es darüber hinaus, eine „Eigenbehandlung“ von verklebten, verkürzten oder verhärteten Faszien durchzuführen. Diese Therapieform wird „Self Myofascial Release“, kurz SMR genannt. Insbesondere Sportler wenden diese Techniken im Rahmen des Stretchings und der Regeneration nach und zwischen den Trainingsphasen zur effektiveren Entspannung der Muskulatur an. Insbesondere der Übergangsbereich zwischen Muskel und Sehne ist von besonderer Bedeutung für die effektive Dehnung nach dem Training: Hier sitzt das so genannte Golgi-Sehnenorgan. Dieses misst den Spannungsgrad des Muskels (= Muskeltonus) und gibt die Information darüber an das zentrale Nervensystem weiter. Durch diese ständige Kommunikation zwischen Muskel und Regelzentrum wird der Muskel vor zu großen Spannungen geschützt, die eine Verletzungsgefahr darstellen würden. Durch gezielten Druck auf die Golgi-Sehnenorgane bekommt das Nervensystem vermutlich die Meldung, dass vermeintlich zu viel Spannung auf den Muskelfasern liegt und es wird eine reflexartige Entspannung des Muskels ausgelöst und der Dehnungseffekt verstärkt.

Die Anwendung von SMR-Techniken verbessert zudem die Durchblutung des Gewebes und so den Abtransport von Stoffwechselprodukten, die eine Muskelregeneration verhindern würden.
Je nach Grad der Verspannung wird bei der Anwendung aller Myofascial Release – Techniken eine von den meisten Anwendern als „wohltuendes Schmerzgefühl“ bezeichnete Wahrnehmung ausgelöst.

Die positiven Effekte können natürlich auch von Nicht-Sportlern genutzt werden, ebenso von Patienten, die die Effekte einer Faszientherapie durch einen Therapeuten mit der selbstständigen Anwendung von Myfascial Release-Techniken zu Hause unterstützen möchten.
Für die Durchführung der SMR bietet der Markt mittlerweile eine große Auswahl unterschiedlichster Hilfsmittel. Die bekanntesten Werkzeuge sind die so genannten Faszienrollen. Dabei handelt es sich um Kunststoffzylinder verschiedener Härtegrade und Oberflächenprofile, mit deren Hilfe der Anwender durch das Durchführen bestimmter Übungen („Rollout“) Faszienverklebungen lösen und die Funktion der myofaszialen Einheit optimieren kann. Auch Bälle verschiedener Größen, Härtegrade und Oberflächenbeschaffenheiten können entsprechend positive Effekte auf myofasziale Verklebungen und Verspannungen haben. Oberflächen mit Profil bieten den Vorteil, dass sie einen stärkeren positiven Effekt auf die so genannten Triggerpunkte ausüben und einen zusätzlichen Massageeffekt bieten.

Fazit

Durch die Anwendung myofaszialer Release-Techniken wird die Verschiebbarkeit des Bindegewebes verbessert und so die Reibungslosigkeit von Bewegungsabläufen wiederhergestellt, Gelenke werden entlastet, Blockanden lösen sich und stereotypen Bewegungsmustern wird entgegengesteuert. Die einfache und risikoarme Anwendbarkeit der Self Myofascial Release bietet eine fast einmalige Möglichkeit, das Wohlbefinden und die Funktion des myofaszialen Systems eigenständig zu verbessern und so die physiotherapeutische Behandlung zu unterstützen.
Für eine persönliche Beratung, welche Hilfsmittel und Übungen für Sie geeignet sind, stehen wir Ihnen gern zur Verfügung!